Warum es Kindern gut tut, Putin “Pudding” zu nennen

Vorarlberg / 26.04.2022 • 09:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Warum es Kindern gut tut, Putin "Pudding" zu nennen
Allwöchentliche Friedenskundgebung an der Volksschule Lustenau Kirchdorf vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges. Lustenau/Kuzmanovic

Wie verklickert man Volksschülern den Ukraine-Krieg? Antwort: Viel darüber reden und ehrlich sein.

Lustenau Die erfahrene Volksschullehrerin Birgit Sieber-Mayr glaubte nicht richtig gehört zu haben. Da sagte ihr ein Dreikäsehoch in der Klasse doch tatsächlich: “Ich brauch’ nicht mehr lernen. Morgen fällt auf uns eh eine Atombombe.” Die Kinder und der Krieg. Für die Pädagoginnen und Pädagogen an den Schulen ist das eine Herausforderung. Vor allem für jene in den Volksschulen.

“Als ich das vernommen habe, habe ich sofort einen Sprechkreis bilden lassen und darüber mit den Kindern gesprochen”, berichtet Sieber-Mayr, die an der Volksschule Lustenau Kirchdorf unterrichtet.

Emotionaler Zugang

Man dürfe den Kindern nichts vormachen. “Ich kann ihnen nicht versprechen, dass ein Krieg nie zu uns kommt. Wir müssen die Problematik entsprechend zu erklären versuchen”, erzählt Sieber-Mayr. Die Lehrerin weiß: Je kleiner ihre Schützlinge sind, desto mehr berührt sie der Krieg emotional. Die älteren Volksschüler hingegen sind schon eher für die Vermittlung von Wissen zugänglich.

Dass der Krieg ganze Familien beschäftigt, lässt sich im Klassenzimmer nicht unter den Teppich kehren. Behutsamkeit ist dort besonders gefragt. “Es ist wichtig, den Kindern nahe zu bringen, dass die Russen nicht einfach schlechte Menschen sind. Das ist bei uns an der Schule vor allem deshalb wichtig, weil wir ja einige russlandfreundliche Tschetschenen haben”, erzählt die Klassenlehrerin.

“Es ist wichtig, den Kindern zu sagen, dass die Russen nicht einfach nur schlechte Menschen sind.”

Birgit Sieber-Mayr, Lehrerin

Allwöchentliches Ritual

Gelegentlich bringen auch Gespräche über traurige Ereignisse humorvolle Aspekte mit sich. “Den Putin nennen sie bei uns einfach Pudding”, berichtet Sieber-Mayr. Was es damit auf sich hat? “Ich glaube, die Kinder wollen dem Namen Putin den Schrecken nehmen. Deswegen nennen sie ihn Pudding. Dann hat der russische Präsident etwas Menschliches an sich. Damit können sie besser umgehen.”

Mit einem großen Kreis vor der Friedenstaube fängt alles an. Es ist der letzte Akt der Schulgemeinschaft vor dem Wochenende. <span class="copyright">Lustenau/Kuzmanovic</span>
Mit einem großen Kreis vor der Friedenstaube fängt alles an. Es ist der letzte Akt der Schulgemeinschaft vor dem Wochenende. Lustenau/Kuzmanovic

An der Volksschule Lustenau Kirchdorf hat der furchtbare Krieg ein allwöchentliches Ritual ausgelöst. “Die letzten zehn Minuten vor dem Wochenende am Freitag gehören bei uns aus diesem Grund dem Thema Frieden. Wir versammeln uns dann im Hof, schwenken weiße Fahnen, laufen einmal ums Rathaus und singen gemeinsam ‘Give peace a chance'”, beschreibt Direktor Christof Wund das Prozedere. Im Kirchdorf hat man sich schon längst darauf eingestellt, bald ukrainische Flüchtlingskinder aufzunehmen. “Noch haben wir keine”, sagt Wund.

Der Friedensmarsch der Volksschüler mit ihren Lehrerinnen führt rund ums Rathaus. <span class="copyright">Lustenau/Kuzmanovic</span>
Der Friedensmarsch der Volksschüler mit ihren Lehrerinnen führt rund ums Rathaus. Lustenau/Kuzmanovic

Neue Zugänge an der AHS

Was bei Volksschulkindern mit Emotionen und Ritualen geschieht, passiert an höheren Schulen mit Erkenntnissen und Analysen. Stefan Breuss, Geschichtelehrer am BRG/BORG Schoren, weiß dabei von verschiedenen Etappen in der Verarbeitung des Themas zu berichten. “Im Geschichteunterricht hat die Frage nach den weiteren Szenarien und einem möglichen Ende des Konflikts die Frage nach dem Warum abgelöst. Wir behandeln zudem Themen wie die Gefahr eines Weltkrieges, Kalter Krieg oder Neutralität. Bemerkenswert ist, dass Schulverlage bereits auf den Konflikt reagiert haben und Unterrichtsmaterial zur Verfügung stellen.”