Das Alpleben ist kein Honigschlecken, aber eine gute Lebensschule

Vorarlberg / 30.06.2022 • 12:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Der Älplerbub war auf der Alpe Vergalden mitverantwortlich für die Kühe.
Der Älplerbub war auf der Alpe Vergalden mitverantwortlich für die Kühe.

Johannes Tschofen (10) geht auch heuer wieder z’Alp. Der Bub aus Gortipohl eifert Vater und Großvater nach, die viele Sommer auf der Alpe verbrachten.

Gortipohl Der Ehni und Däta erzählten Johannes Tschofen (10) immer wieder von der Alpe und zeigten ihm Fotos im Album, auf denen sie als Älpler zu sehen sind.

Beide verbrachten viele Sommer auf der Alpe. „Papa ging bereits als Sechsjähriger z’Alp“, erzählt Johannes voller Bewunderung. Durch sie erfuhr der Bub, dass das Älplerleben schöne, aber auch harte Seiten hat. „Der Däta hat immer gesagt: ,Es ist kein Honigschlecken. Dort oben muss man durch dick und dünn gehen.“ Wie auch immer: Johannes war fasziniert von den Erzählungen. Sie weckten die Neugierde des Kindes.

Im Sommer des Vorjahres besuchte der Bub mit seiner Familie die Alpe Vergalden in Gargellen. „Wir sind extra länger geblieben, weil Johannes unbedingt noch beim Melken dabei sein wollte“, erinnert sich seine Mutter Carmen. Johannes hakt ein: „Kühe sind lieb. Wegen ihnen wollte ich z’Alp gehen.“ Zunächst waren nur ein paar Schnuppertage im August geplant. Daraus wurden dann vier Wochen, „weil ich beim Alpabtrieb dabei sein wollte“.

Senn Daniel Mangeng war hochzufrieden mit der Arbeit des Älplerbuben.
Senn Daniel Mangeng war hochzufrieden mit der Arbeit des Älplerbuben.

Das Leben auf der Alpe forderte den Buben. Seine Aufgabe war es, die Kühe auf die Weide zu treiben und sie abends wieder in den Stall zu bringen. „Ich habe auch ihre Euter gesäubert und geknetet, damit sie gut Milch geben.“ Nachmittags spielte der junge Älpler für ein Sackgeld mit der Ziehharmonika zur Freude der Wanderer und Biker auf. Aber selbst auf der Alpe gibt es Zeiten der Muße. „Manchmal lag ich mit geschlossenen Augen auf der Wiese und lauschte den Kuhglocken.“ Immer mit dabei hatte er das Fernglas. „Ich sah Rehe, Steinböcke und einen großen, schwarzen Vogel. Wir wissen bis heute nicht, was für ein Tier das war.“ In Mußestunden griff der Sohn eines Weißküfers auch gerne zu seinem Schnitzmesser. „Aus einem Haselstecken habe ich Kopfhörer geschnitzt.“ Johannes schnitzt gerne. Denn: „Am Anfang hast du einen Holzprügel. Und dann steht das, was du haben möchtest, vor dir.“ Die Tricks zeigte ihm sein Vater Jürgen. Diesem eifert der Bub, der mehr oder weniger in der Werkstatt seines Vaters groß wurde, nach. „Ich möchte auch Weißküfer werden. Papa kann Sachen machen, die nicht jeder kann.“ Johannes plant, die Schnitzschule Elbigenalp zu besuchen. „Im Werkunterricht meinte die Lehrerin einmal, dass das genau das Richtige für mich wäre.“

Johannes und seine Schwester Maria wurden mehr oder weniger in der Werkstatt des Vaters groß.
Johannes und seine Schwester Maria wurden mehr oder weniger in der Werkstatt des Vaters groß.

Aber nicht nur der Vater, auch die Mutter ist ihm ein Vorbild. Denn: „Mama passt gut auf mich auf. Sie kümmert sich vorbildhaft um mich.“ Er fand es zum Beispiel spitze, dass sie ihm leichte Handschuhe auf die Alpe brachte, nachdem er ihr übers Handy mitgeteilt hatte, dass es in der Früh kalt ist und er oft klamme Finger hat. Mutter und Sohn telefonierten nur alle drei, vier Tage miteinander. „Einmal meldete sich Johannes eine Woche lang nicht bei mir. Da wusste ich: ,Er denkt nicht heim‘.“ Das beruhigte die Mutter und minderte ihre Sehnsucht nach dem Sohn. Anfangs war es sehr seltsam für sie, dass er nicht da war. „Ich vermisste ihn.“ Auch Johannes, der zum ersten Mal in seinem Leben von zuhause weg war, war nicht ganz frei von Heimweh und verdrückte hin und wieder eine Träne. Meistens war er aber untertags so beschäftigt und abends so müde, dass er keine Zeit hatte, um nach Hause zu denken. „Nach zwei Wochen fragte mich Mama, ob ich heimkommen möchte. Da habe ich ihr gesagt, dass ich bis zum Alpabtrieb bleiben möchte.“

Den größten Tag eines Älplers wollte sich Johannes auf keinen Fall entgehen lassen. Als es so weit war, zog er sich seine Lederhose und sein schönstes Hemd an und setzte sich den Äplerhut auf, den er von seinem Ehni geschenkt bekommen hatte. Dann trieb er mit seinen Kollegen das geschmückte Vieh ins Tal und ließ sich im Dorf von den Passanten am Straßenrand bestaunen. „Danach war ich vor lauter Hopp-Hopp-Schreien so heiser, dass ich kaum mehr reden konnte.“

 Diese Larve hat Johannes unter Anleitung seines Vaters geschnitzt.
Diese Larve hat Johannes unter Anleitung seines Vaters geschnitzt.

Zur Feier des Tages gingen seine Eltern mit ihm essen. „Ich hatte Lust auf einen Burger mit Pommes.“ Es war einer jener Tage, die der Bub nicht mehr vergisst. Johannes vielsagend: „Der Däta und der Ehni haben Älpler zu mir gesagt.“ Diese wenigen Worte genügten, und das Kind wusste: „Beide sind sehr stolz auf mich.“ Vater Jürgen verhehlt dies auch nicht: „Ich finde es schön, dass Johannes Interesse für die Natur und Tiere aufbringt, ohne dass wir es ihm aufschwatzten.“ Aus eigener Erfahrung weiß er, dass die Alpe eine gute Lebensschule ist. „Man wird selbstständiger, muss sich durchbeißen und sein Geld selbst verdienen. Dann schätzt man es mehr.“

Auch heuer wird Johannes wieder zum Älpler. „Am 8. Juli ist die Schule aus. Am 9. Juli gehe ich z’Alp.“ Daniel Mangeng, der Senn, hatte ihn bereits beim Alpabtrieb gefragt, ob er im nächsten Sommer wiederkommen will. Johannes sagte zu. „Aber ich bleibe nicht den ganzen Sommer oben. Das wäre mir zu anstrengend. Ich möchte auch Ferien haben und mit meinem Cousin Waldhütten bauen.“