Johannes Huber

Kommentar

Johannes Huber

Nackte Not

Vorarlberg / 09.07.2022 • 09:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Was heißt hier „Wohlstandsverlust“? Seit Wochen ist davon die Rede, dass wir uns auf einen solchen einstellen müssen. Mehr und mehr dämmert jedoch, dass dieser Begriff über viel Schlimmeres hinwegtäuscht; er ist schlicht und ergreifend verharmlosend: „Wir müssen davon ausgehen, dass ein Vier-Personen-Haushalt 300 bis 400 Euro Mehrkosten für Energie pro Monat im Vergleich zum Vorjahr hat“, sagt Stefan Dohler, Vorstandsvorsitzender des deutschen Energieversorgers EWE, zu den Aussichten auf den kommenden Winter: Strom- und vor allem auch Gaspreise werden weiter explodieren. Wer keine Möglichkeit hat, auf die Schnelle auf ein günstigeres Heizsystem umzusteigen, hat ein Problem. Auch in Österreich, wo die Entwicklungen nicht viel anders sein werden.

„Bei einer typischen Familie, die ohnehin schon armutsgefährdet ist, ist es zynisch, nur von Wohlstandsverlust zu reden.“


Für das unterste Zehntel der Haushalte bedeuten 300 bis 400 Euro Mehrkoten pro Monat, dass die Ausgaben um gut und gerne ein Viertel steigen werden. Bei den übrigen Hauhalten mag die Belastung anteilsmäßig geringer ausfallen, bis in die Mittelschicht hinein reichen die Einkünfte oft aber schon bisher nicht aus. Hier ist es notwendig, auf Ersparnisse zurückzugreifen oder sich zu verschulden, um über die Runden kommen zu können.
Das ist viel mehr als ein Wohlstandsverlust, der sich anbahnt; und mit dem man zumindest rechnen sollte, um die möglichen Herausforderungen zu sehen, die auf unsere Gesellschaft zukommen: Menschen, die bestens verdienen, können eine Vervielfachung der Energiekosten bewältigen. Sie müssen vielleicht nur da und dort Verzicht üben: die Fernreise über die Weihnachtsfeierstage streichen, einen Zweit- oder Drittwagen nicht ersetzen oder was auch immer. Bei ihnen kann man von einem Wohlstandsverlust reden.
Aber bei einer Alleinerzieherin mit zwei, drei Kindern, also einer typischen Familie, die ohnehin schon armutsgefährdet ist, ist es zynisch; ihr droht kein Wohlstandsverlust, sondern nackte Not.
Es ist wichtig, sich dessen bewusst zu sein: „Da schlummert gewaltiges soziales Konfliktpotenzial”, warnt Gabriel Felbermayr, Chef des Wirtschaftsforschungsinstitutes WIFO. Es ist nicht so, dass Bundes- und Landeregierung noch nichts unternommen haben. Im Gegenteil, sie haben in Summe viele Milliarden in Aussicht gestellt. Grenzen des Möglichen werden jedoch sichtbar: Laut Felbermayr könnte sich die Inflation bei einem Gasmangel auf 18 Prozent verdoppeln. Dann brauchen Millionen noch viel mehr Unterstützung.
Das wird das notwendig machen, was immer wieder als „nationaler Kraftakt“ bezeichnet wird: Politik wird gefordert sein, auch einen Geist des sozialen Zusammenhalts zu befeuern, der stärkt, und wir Bürgerinnen und Bürger werden aufgerufen sein, mehr denn je aufeinander zu achten und einander zu unterstützen, wo immer es geht.

Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.

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