Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Ich bin sicher, es ist ihnen aufgefallen

Vorarlberg / 12.07.2022 • 06:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Am Freitagnachmittag im Dorfladen. Ich kaufe ordentlich ein, die Kinder kommen am Abend, ich lade den vollen Einkaufswagen auf das Kassaband, Lebensmittel, Getränke, Knabberzeug. Schönes Wochenende, sage ich zur Verkäuferin, und sie sagt, sie sei am Samstag eh auch wieder da, und ich sage, tja, oje, ich hoffentlich nicht.

„Wie lässig es ist, Kinder zu haben, und wie wunderbar, wenn man die alten Freiheiten zurückbekommt, wenn man sie groß und dann aus dem Haus gekriegt hat.“

Am Samstagvormittag im Dorfladen, ich lade einen vollen Einkaufswagen aufs Kassaband, Lebensmittel, Getränke, Knabberzeug. Die Verkäuferin grinst. Man unterschätzt immer, wie viel ein Rudel Zwanzigjähriger an Essen und Getränken so wegpacken kann, sagte ich. Die Verkäuferin lacht.

Die Kinder haben noch Freundinnen und Freunde mitgebracht, ich habe auch einen Freund auf Besuch, volles Haus, ich liebs: Gelächter und Geplauder, der Hund kriegt eine Kuschelüberdosis und ist happy, wir kochen viel und backen Marillenkuchen, zum Abwasch gibts Discomusik so laut, dass der Hund aus dem Haus flüchtet, später Lagerfeuer und Sternenhimmel und noch mehr Gelächter. Ich liebs sehr. Am Montagnachmittag ist alles kahlgefressen und leergetrunken, ich bringe das Rudel zum Bahnhof und fahr dann gleich in den Dorfladen, den Kühlschrank wieder auffüllen. Die Verkäuferin kudert. Dir auch einen schönen Abend! Dann gehe ich zurück in mein stilles Haus, streichle den erschöpften Hund und lieb auch das. Die Ruhe. Die Sauberkeit. Die Ordnung.

Meine Ordnung. Ich lebe wirklich gerne allein. Die Kinder sind ausgezogen, ich hab ihnen glücklich nachgewinkt, baba, wir sehn uns morgen! Eh, weil dann war ihre Waschmaschine anzuschließen und ein paar Rollos zu montieren, und der Hund hält die Familie auch gut zusammen. Ich freu mich sehr, wenn sie kommen, und wenn sie wieder gehen, auch.

Genau das habe ich kürzlich im Weinviertel mit einer lustigen Gruppe von properen Frauen besprochen, die mich nach einer Lesung auf ein Glas Wein eingeladen haben, weil mein Zug eh noch nicht kam. Wie lässig es ist, Kinder zu haben, und wie wunderbar, wenn man die alten Freiheiten zurückbekommt, wenn man sie groß und dann aus dem Haus gekriegt hat.

Dann fuhr ich mit dem Zug nach Hause, und erst als ich mir auf der Zugtoilette die Hände wusch, fiel mir auf, dass ich den ganzen Abend meine Bluse verkehrt herum angehabt hatte, Muster innen, Nähte außen. Den ganzen Abend: auf der Hinfahrt, vor der Lesung, während der Lesung und nach der Lesung beim Wein. Man sah es nicht sofort, das Muster drückt gut durch, aber ich bin sicher, den properen Frauen ist das Geendelte an der Schulter aufgefallen. Allein leben ist herrlich, man muss nur öfter in den Spiegel schauen.

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.

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