Reinhard Haller

Kommentar

Reinhard Haller

Alkohol als Psychopharmakon

Vorarlberg / 28.07.2022 • 06:29 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Der nicht gerade staatsmännische Sager von Bundeskanzler Nehammer über Alkohol und Psychopharmaka soll nicht ein weiteres Mal moralinsauer kommentiert werden. Wohl aber verdient in einer Zeit, da dem Suchtproblem wenig Augenmerk geschenkt wird, ein hinter der flapsigen Bemerkung stehender Aspekt Beachtung: Die psychopharmakologische Funktion des Alkohols, welche nicht nur einiges zum Verständnis der Sucht beiträgt, sondern auch eine ihrer wichtigsten Ursachen ist.

„Und das ist das wirklich Gefährliche am Alkohol: Er befreit im Augenblick und macht auf Dauer unfrei.

Alkohol verdankt seine Faszination nicht, wie so gern behauptet wird, seinem durstlöschenden und berauschenden Effekt, sondern seiner Multipotenz. Alkohol ist ein Genuss- und Geselligkeitsmittel, eine Handelsware und ein Wirtschaftsfaktor, ein Kulturgut und eine Wertanlage, eine Droge und ein Gift, eine Medizin und ein Psychopharmakon. Neben den zahlreichen körperlichen Effekten vermag uns „das Feinste vom Feinen“- wie Alkohol übersetzt heißt – zu entängstigen und zu beruhigen, er lässt die Sorgen vergessen und löst Depressionen. Durch seinen enthemmenden Effekt gibt er Mut und steigert das Selbstwertgefühl. Er verbessert den Schlaf oder öffnet – je nach Sorte – unsere Augen. Das alles aber nur für kurze Zeit und mit einer entscheidenden Nebenwirkung: Alkohol macht süchtig. Abhängigkeit ist der oft tödliche Preis, den wir für diesen unvergleichlichen Alleskönner bezahlen.

Die Trinkmotive sind meist vordergründig. Fast immer liegt exzessivem, unkontrolliertem Trinken aber der Wunsch zugrunde, sich mit der Universalmedizin Alkohol selbst zu heilen. Eine der besten Erklärungen für Suchkrankheiten liefert die Selbstmedikationshypothese, nach welcher Süchtige den Alkohol und andere Rauschmittel zur Linderung unerträglicher psychischer Zustände einsetzen. Sie behandeln Ängste, Depressionen oder Leeregefühle mit dem alkoholischen Psychopharmakon, das anfangs wirkt, jedoch für den Preis der Gewöhnung und Abhängigkeit. Und das ist das wirklich Gefährliche am Alkohol: Er befreit im Augenblick und macht auf Dauer unfrei.
Damit der Bundeskanzler in Hinkunft seine Ironismen so rüberbringt, wie sie wahrscheinlich gemeint sind und er bei seinen Kritikern ein Schmunzeln statt einer Zeigefingererektion auslösen kann, sollte er sich an den genialen Spötter Heinrich Heine halten. Dieser meinte, nachdem er seine Zeitgenossen mit Ironie und Zynismus ständig vor den Kopf stieß, man müsste in die Satzgestaltung neben dem Ruf- und Fragezeichen sicherheitshalber auch ein Ironiezeichen einführen.

Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut

und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.