Karin und ihre „Engel auf vier Hufen“

Vorarlberg / 13.09.2022 • 12:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
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Karin Krammel mit ihrem Liebling Lavina. Beate Rhomberg (3)

Karin Krammel hat ein schweres Schicksal. Ihre Familie und ihre Pferde helfen ihr, es zu verkraften.

Lustenau Karin Krammel (54) ereilten schon mehrere Schicksalsschläge. Die Lustenauerin meisterte sie, auch weil ihr „Engel auf vier Hufen“ zur Seite standen. Karins Tierliebe zeigte sich schon im Kleinkindalter. „Ich habe Regenwürmer und Schnecken auf der Straße zusammengelesen und auf eine Wiese gebracht, damit sie nicht überfahren werden.“

Später ging das Mädchen jeden Tag ins Ried, weil dort Ponys weideten. Es freundete sich mit ihnen an und nahm zwei als Pflegeponys an, Gänseblümchen und Chico. Letzteren bekam sie mit elf Jahren von ihrem Vater geschenkt. „Chico wurde mein bester Freund. Ich habe für das Pony gelebt. Es wurde mein Lebensbegleiter und 42 Jahre alt. Vor zehn Jahren musste ich es einschläfern lassen.“ Chico ging mit der gelernten Zahnarzthelferin durch dick und dünn. Als ihre erste Ehe, die sie mit 18 Jahren einging, nach acht Jahren in die Brüche ging, fand die Mutter dreier Töchter Trost bei Chico. „Er hat mich gerettet.“

Mit Andreas kam eine neue Liebe in ihr Leben

Mit Andreas kam die Liebe erneut in ihr Leben. Das Paar heiratete und bekam Nachwuchs. Ein Sohn krönte 1999 ihre Liebe. „Bei der Geburt kam es zu Komplikationen. Deshalb war unser Bub entwicklungsverzögert. Aus ihm ist mittlerweile jedoch ein vifer junger Mann geworden. Das ist ein Segen.“

Nach der Geburt des Sohnes begann für Karin aber eine schwierige Zeit. „Irgendetwas stimmte nicht mit mir. Ich fühlte mich nicht mehr wohl.“ Es gab Momente, da verschwamm alles vor ihren Augen. Gläser fielen ihr aus den Händen. Sie stolperte öfters und war untertags so müde, dass sie sich hinlegen musste. Karin dazu: „Ich brachte nichts mehr auf die Reihe.“ Nicht nur sie, auch ihr Mann, mit dem sie gerade eine Mosterei aufbaute, konnte ihre Probleme nicht einordnen.

„Ich sah mich schon im Rollstuhl“

Jahre später dann die Diagnose: Multiple Sklerose (MS). „Ich sah mich bereits als Pflegefall und im Rollstuhl. Ich überlegte ernsthaft, mich von meiner Familie zu trennen, weil ich für sie nicht zur Belastung werden wollte.“ Aber diese Gedanken verflogen glücklicherweise nach dem ersten Schock. „Die Ärzte beruhigten mich und meinten, dass ich mit Medikamenten ein relativ normales Leben führen könne.“ Karin fasste Mut und stellte sich ihrem Schicksal. „Ich versuche, das Beste daraus zu machen.“

Mittlerweile hat sie gelernt, mit der Krankheit zu leben. „180 Prozent gehen bei mir nicht mehr. Da musste ich mich umstellen. Es geht alles langsamer. Aber es geht. Ich höre besser auf meinen Körper und vermeide jegliche Art von Stress.“ Dass sie die MS in Schach halten kann, schreibt sie aber vor allem ihren zwei Pferden zu. „Wenn ich Sally und Lavina, meine Engel auf vier Hufen, nicht hätte, könnte ich nicht mehr so gut gehen“, ist Karin überzeugt, „sie helfen mir extrem, tragen und führen mich und passen auf mich auf“.

Ein Blick, der Bände spricht. Karin ist Lavina innig zugeneigt.
Ein Blick, der Bände spricht. Karin ist Lavina innig zugeneigt.

Das tägliche Reiten ist Karins Lebenselixier. „Mit den Pferden, dem Reitstall und dem Reitplatz erfüllte mir mein Mann einen Traum“, sagt sie, während sie Lavina liebevoll über die Mähne streicht. Ein weiterer Traum ging für die MS-kranke Frau am vergangenen Wochenende in Erfüllung. Karin nahm mit Lavina an den österreichischen Meisterschaften für Para-Dressur teil und erreichte mit ihrem Team den 5. Platz.

Früher war die Pferdeliebhaberin immer für andere da. Deren Anliegen waren ihr wichtiger als die eigenen. Die Krankheit zwang sie, den Fokus auf sich zu verlagern. „Ich musste endlich auf mich selbst schauen und nein sagen lernen. Heute habe ich kein schlechtes Gewissen, wenn ich eine Stunde zu den Rössern gehe“, zeigt sie auf, dass die Krankheit nicht nur Schlechtes mit sich brachte.

Die MS-kranke Frau ist dankbar, dass sie noch Radfahren kann.
Die MS-kranke Frau ist dankbar, dass sie noch Radfahren kann.

Die MS ist nicht ihr einziges Problem. „2018 bekam ich Schmerzen im Rücken, in den Armen und Beinen. Sie steigerten sich mit der Zeit dermaßen, dass ich nachts nicht mehr schlafen konnte“, erzählt sie mit traurigen Augen. Ein Rheumatologe diagnostizierte Fibromyalgie, eine Erkrankung, die sich in chronischen Muskel-Faser-Schmerzen äußert. Die Schmerzen stürzten die Familienmutter zunächst in Verzweiflung. „Sie hauten mich wieder in ein Loch.“ Inzwischen hat sie aber gelernt, mit den Schmerzen umzugehen. „Ich gerate immer seltener in ein psychisches Tief und weiß auch immer mehr, wie ich da wieder rauskomme. Ich gehe dann in die Natur oder zu meinen Rössern. Bei ihnen vergesse ich, dass ich Schmerzen habe.“