Schwierige Verhältnisse

Vorarlberg / 13.11.2022 • 16:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Schwierige Verhältnisse

Eine Geschichte in zehn Teilen. Teil 8

An einem Sonntagnachmittag besuchten Andi und Luise Andis Urgroßmutter. Luise war erst aufgeregt gewesen, aber als die alte Dame ein paar Sätze mit ihr gesprochen hatte, war das vorbei. Die Urgroßmutter sah aus wie eine Figur aus Elfenbein. An jedem Finger trug sie einen Ring, üppige Ohrringe, um den Hals eine Kette mit Rubinen. Der Schmuck sah so mächtig an ihr aus, es war zu befürchten, dass sie einknickt. Es roch nach schwerem Parfum.

„Sag, Oma“ – Andi nannte sie Oma, Uroma war kein Wort für diese Frau – „trägst du deinen ganzen Besitz an dir herum?“
„Nein, nein“, sagte sie und war eifrig, „ich besitze viel mehr. Soll ich euch meine Schätze zeigen?“

„Von nun an besuchten die beiden die Urgroßmutter öfter in dem Heim. Jedes Mal gab sie ihnen einen Hunderter.“

Sie holte eine Schatulle mit vielen Fächern, in jedem davon ein Schatz.
„Magst du dir ein Stück aussuchen?“, sagte sie zu Luise. „Das ist kein Talmi.“
„Ich weiß nicht, was Talmi ist“, sagte Luise.
„Wenn man nicht weiß, was es wert ist, das ist Talmi. Ich muss das alles noch loswerden, bevor ich sterbe.“

Luise sah sich den Schmuck an, ein Stück nach dem anderen. Sie probierte eine Kette, einen Ring, an ihr sah alles protzig aus.
„Ich weiß nicht so recht“, sagte sie.

Von nun an besuchten die beiden die Urgroßmutter öfter in dem Heim. Jedes Mal gab sie ihnen einen Hunderter.

Einmal nahm sich Andi ein Herz und erzählte, dass Luise und er nach Berlin zum Studieren gehen wollen, dass sie aber kein Geld hätten. Ob er nicht von ihr etwas leihen könne. Die alte Dame fragte nur, wieviel sie brauchen und wollte auch gleich seine Kontonummer wissen, auch die von Luise. Sie würde ihrem Freund bei der Bank den Auftrag erteilen.

„Wir haben gar kein Konto“, sagte Andi.
„Ich auch nicht“, sagte Luise.“
„Dann müsst ihr eines anlegen. Ich bestell meinen Freund zu mir. Die Großstadt ist teuer. Am besten ist ein gemeinsames Konto. Ein Liebespaarkonto. Ich nenne das so.“

Was schließlich auf ihr Konto überwiesen wurde, war so viel, dass Luise zur Urgroßmutter sagte: „Da ist doch hinten eine Null zu viel.“
„Eine Schwester hier im Heim“, antwortete die alte Frau, „liest mir aus den Buddenbrooks vor, aber ihre Stimme passt nicht zum Buch. Könntest nicht du, Luise, so lange ihr noch hier seid, das übernehmen? Du hast eine schöne Stimme, eine altmodische Stimme. Ich hör’ so gern die Stelle, wo Hanno stirbt.“
Luise übte zu Hause schön lesen und nach der Schule setzte sie sich an den Bettrand der alten Dame. Andi rauchte eine Zigarette zum Fenster hinaus.
„Hast du“, fragte die alte Dame „das Kapitel vorbereitet, in dem Hanno stirbt?“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

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