Rechtsmedizinerin: “Gewalt hat immer massive Folgen”

Vorarlberg / 25.11.2022 • 05:30 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Die gebürtige Bregenzerin Kathrin Yen ist Direktorin des Instituts für Rechts- und Verkehrsmedizin am Universitätsklinikum Heidelberg. 
Die gebürtige Bregenzerin Kathrin Yen ist Direktorin des Instituts für Rechts- und Verkehrsmedizin am Universitätsklinikum Heidelberg. 

Anti-Gewalt-Kampagne Orange the World: Rechtsmedizinerin Kathrin Yen im VN-Interview über die verheerenden Folgen von Gewalt und über die Rolle eines niederschwelligen Angebots für Betroffene.

Schwarzach, Heidelberg In Österreich hat jede fünfte Frau seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche bzw. sexuelle Gewalt erfahren. Gewalt an Frauen und Mädchen sichtbar zu machen ist das Ziel der internationalen UN-Kampagne Orange the World, bei der symbolträchtige Gebäude mit orangem Licht beleuchtet werden. Die Aktion gegen Gewalt an Frauen geht jährlich zwischen dem 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen, und dem 10. Dezember, dem Internationalen Tag der Menschenrechte, über die Bühne, wobei dieses Jahr aufgrund der Energiekrise Gebäude vielfach orange beflaggt werden.

Die gebürtige Bregenzerin Prof. Dr. Kathrin Yen (54) ist Ärztliche Direktorin am Institut für Rechts- und Verkehrsmedizin am Universitätsklinikum Heidelberg und ist bei ihrer Arbeit tagtäglich mit Gewalt und deren Folgen für Betroffene konfrontiert. Sie gründete 2006 Österreichs erste Gewaltambulanz in Graz und 2011 die erste rechtsmedizinische Ambulanz in Baden-Württemberg, die sich an Opfer von körperlicher und sexueller Gewalt richtet.

Welche Rolle spielt die Rechtsmedizin bei der Aufklärung von Gewaltfällen?

Yen Eine ganz zentrale, da es die einzige medizinische Fachrichtung ist, die darauf spezialisiert ist, Gewalt zu erkennen. Eine wichtige Rolle spielt auch die Rekonstruktion, wie der Tathergang gewesen ist, wie schwer oder gefährlich ein Übergriff war und wer wirklich Opfer ist. Oft kommt nicht das Ergebnis heraus, das man sich vielleicht erwartet hat. Es geht darum, alle Beweise zu sichern, die eine Tat sicher belegen oder ausschließen. Klarheit zu schaffen ist der Kern unserer Tätigkeit.

Niederschwellig und mobil sollte das Angebot zur Dokumentation von Verletzungen bei Gewalt sein, fordert Kathrin Yen. <span class="copyright">TOBIAS SCHWERDT</span>
Niederschwellig und mobil sollte das Angebot zur Dokumentation von Verletzungen bei Gewalt sein, fordert Kathrin Yen. TOBIAS SCHWERDT

Welche Schwierigkeiten gibt es, Gewalt zu erkennen?

Yen Oft wird zu spät oder gar nicht an uns als Rechtsmedizinerinnen und – mediziner gedacht oder man hat keinen Zugang. Dabei wäre es wichtig, sich möglichst sofort an eine Gewaltambulanz zu wenden, da viele Informationen sonst verlorengehen. Eine umfassende Spurensicherung ist nur in den ersten Stunden nach der Tat möglich. Kleine Verletzungen, die für die Gesamtbeurteilung wichtig sein können, heilen manchmal innerhalb von Stunden und sind danach nicht mehr sichtbar. Auch als K.-O.-Mittel verwendete Substanzen sind oft nur wenige Stunden nachweisbar. Wenn drei Monate nach der Tat ein Vergewaltigungsopfer zu uns kommt, ist eine Spurensicherung nicht mehr möglich. Mit den rechtsmedizinischen Untersuchungen stellen wir die notwendigen Beweise sicher, die eine Verurteilung des Täters oder der Täterin vor Gericht wahrscheinlicher machen. Der zweite Grund, weshalb solche Untersuchungen relevant sind, ist die Prävention. Menschen, die Gewalt erlitten haben, können erkannt und vor weiterer Gewalt geschützt werden. Denkt man etwa an Kindesmissbrauch, wird klar, welche Bedeutung dies hat.

Während der Coronapandemie verzeichnete die Heidelberger Gewaltambulanz mehr Fälle von Kindesmisshandlung.
Während der Coronapandemie verzeichnete die Heidelberger Gewaltambulanz mehr Fälle von Kindesmisshandlung.

Beobachten sie eine Zunahme von Gewalt?

Yen Während der Pandemie haben wir deutlich gemerkt, dass die Gewalt in den eigenen vier Wänden zugenommen hat, während Fälle wie Messerstechereien abgenommen haben. Wir werden Ende 2022 in der Heidelberger Gewaltambulanz über 600 Menschen nach gewaltsamen Ereignissen untersucht haben. Das heißt, die Zahl derjenigen, die sich Hilfe suchen, hat zugenommen. Eine Rolle dabei spielt sicher, dass wir Untersuchungen auch verfahrensunabhängig anbieten. Das heißt, jemand, der Gewalt erlitten hat, muss nicht zuerst eine Anzeige erstatten, um eine Beweissicherung zu bekommen. Gerade Opfer von sexueller, aber auch partnerschaftlicher Gewalt haben eine hohe Hemmschwelle, zur Polizei zu gehen, weil der Täter oder die Täterin meist aus dem persönlichen Umfeld kommt. In Österreich gibt es solche verfahrensunabhängigen Angebote noch kaum.

Wie sollte sich das Umfeld bei Verdacht einer möglichen Gewalttat verhalten?

Yen Wichtig ist, dass wir als Einzelne und als Gesellschaft hinschauen und dass man nicht die Augen zu macht, wenn man einen Verdacht hat. Konkret kann man nachfragen und damit vielleicht den Damm brechen, wenn zum Beispiel bei einer Freundin immer wieder blaue Flecken auffallen. Wichtig wären niederschwellige rechtsmedizinische Einrichtungen, die rund um die Uhr erreichbar und mobil sind. In Vorarlberg gibt es derzeit keine Gewaltambulanz, aber man kann sich zum Beispiel an Ärztinnen und Ärzte, fachkundige Opferberatungsstellen oder in den Krankenhäusern eingerichtete Kinderschutzgruppen und, insbesondere wenn Gefahr im Verzug ist, auch an die Polizei wenden.

Wie erleben Sie Menschen, die zu Ihnen kommen?

Yen Das ist sehr unterschiedlich. Viele stehen noch unter dem Einfluss von dem, was sie erlebt haben. Manche sind gar nicht ansprechbar, wenn sie zum Beispiel nach schweren Kopfverletzungen oder einer Notoperation nicht bei Bewusstsein sind. Es gibt aber zum Beispiel auch Kinder, die sehr unauffällig wirken, bei denen man bei der Untersuchung alle möglichen Verletzungen findet, auch solche von früheren Misshandlungen.

Wie beurteilen sie Aktionen wie “Orange the world”?

Yen Gewalt ist ein großes Thema, laut WHO wird in Deutschland jeden dritten Tag eine Frau gewaltsam getötet. In Österreich waren es im Vorjahr 29 Frauen. Auch Männer leiden sehr darunter, das wird manchmal vergessen. Für Kinder hat Gewalt massive Konsequenzen, es gibt Studien, die zeigen, dass sie später oft nicht voll arbeitsfähig sind oder selbst wieder zu Gewalttätern werden. Das Thema Gewalt ist auch aus wirtschaftlicher Sicht relevant. Gewalt kann jedem Menschen zu jeder Zeit passieren und kann genauso einschneidend wie etwa eine Krebsdiagnose sein.

Podiumsdiskussion der Soroptimist Clubs Dornbirn, Bregenz/Rheintal und Feldkirch Montfort am 28. November, 19.30 Uhr im Alten Landtagssaal der Hypobank Vorarlberg in Bregenz mit Kathrin Yen, Ulrike Furtenbach (Leiterin IfS-Gewaltschutzstelle) und Psychiater Reinhard Haller. Eintritt: 15 Euro, wird zur Gänze gespendet.

Kathrin Yen obduzierte unter anderem den Leichnam von Jörg Haider. 
Kathrin Yen obduzierte unter anderem den Leichnam von Jörg Haider. 

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