Kolumne: Eisern
„Seit dreizehn Jahren versuche ich bei Liesbeth zu landen“, sagte der Mann, der sich mir als Peter vorstellte. „Peter als Vorname oder als Nachname, wie es Ihnen beliebt.“
Liesbeth ist meine Freundin. Ich fragte sie, ob sie den Mann kenne.
„Meinst du den an der Information? Den kenne ich zur Hälfte … seinen Oberkörper.“
Sie lebte allein, hatte vor langer Zeit eine Fernbeziehung gehabt und dabei Geld verloren.
„Der steht doch knapp vor der Pension“, sagte sie.
„Genau wie du“, sagte ich.
Ich glaube, sie war nicht abgeneigt, also sprach ich Herrn Peter auf Liesbeth an, sagte, ich hätte mit ihr über ihn gesprochen. Da wurden seine Hände unruhig.
„Wir könnten ein Treffen in einem Café vereinbaren. Ich sitze mit Ihnen da, und Liesbeth kommt dazu. Wie zufällig. Sie setzt sich an unseren Tisch, und ich verdünnisiere mich. Alles Weitere ist euch überlassen.“
Wir trafen uns, er mit scharfen Bügelfalten, Lisbeth in Angora, eine weiche Frau mit Kurven. Sie erzählte mir hinterher, sie hätten lange geschwiegen, dann sei es um die Kälte im Winter gegangen, da habe er gesagt, die innerliche Kälte mache ihm mehr zu schaffen. Die Herzen sollten sich erwärmen, sollen heiß sein. Das brach so aus ihm heraus, und als ob das Eis aufgetaut wäre, redete er viel. Seine Stimme war angenehm, tief, und obwohl er schnell sprach, nicht unangenehm.
„Und was hast du gesagt?“ fragte ich Liesbeth.
Sie habe ihm erzählt, sie habe sich als Kind in den Pulverschnee fallen lassen und aus ihren Armen Flügel gemacht. Dann sei sie aufgesprungen und habe den Abdruck im Schnee angeschaut. Vom Pulverschnee war er ungenau, so trat sie ihn vorsichtig mit ihren Schischuhen aus, bis der Engel gut erkenntlich war. Da habe der Herr Peter gesagt: „Und der Abdruck war dann wie Sie.“
Sie seien durch den kalten Abend gegangen und sie, Liesbeth, habe gesagt: „Das Schönste an meiner Wohnung ist, dass sie so warm ist und deshalb so gemütlich. Wollen Sie sich bei mir aufwärmen, Sie zittern ja vor Kälte. Ihr Mantel ist viel zu dünn.“
Seine Figur war ähnlich wie die ihres Vaters gewesen war. Sie könnte ihm seinen braunen Ledermantel – innen mit echtem Pelz, probieren lassen. Ihr Vater war vor einem Jahr gestorben, sie hatte ihn sehr geliebt. Herr Peter wäre, so angezogen, ein bisschen wie ihr Vater. Der Gedanke gefiel ihr.
In Lisbeths Wohnung fühlte sich Herr Peter sehr wohl.
Gleich verschwand sie, um den Mantel ihres Vaters zu holen. Dann aber legte sie ihn beiseite, Herr Peter könnte sich denken, sie gibt mir den warmen Mantel, damit ich gleich wieder gehe. Sie würde ihn kurz vor seiner Verabschiedung holen und um seine Schultern legen.
Es kam zu keiner Verabschiedung. Er blieb eisern bei ihr.
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
Kommentar