6600 „verlorene“ Jugendliche

Hoher Anteil 15- bis 24-Jähriger im Land, die weder in Ausbildung sind noch einen Job haben.
SCHWARZACH. Es wirkt unglaublich: Seit 2016 besteht eine Ausbildungspflicht bis 18 – und trotzdem gab es in Vorarlberg 2023 rund 6600 Jugendliche im Alter von 15 bis 24, die weder einen Job hatten noch in einer Ausbildung oder einer AMS-Schulung waren. Es handelte sich um 14,9 Prozent der Altersgruppe bzw. gut jeden Siebten. Das hat die Statistik Austria herausgefunden.
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„Es ist ein verlorenes Potenzial“, sagt AMS-Landesgeschäftsführer Bernhard Bereuter: „Wenn man sich die demographische Entwicklung anschaut, ist es essenziell, dass man es nutzt Richtung Arbeitsmarkt, am besten Richtung Fachkräfteausbildung.“ Hintergrund: Es ist davon auszugehen, dass die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in den kommenden Jahren zurückgehen und es daher einen wachsenden Arbeitskräftemangel geben wird. Die Sozialforscherin Gudrun Quenzel von der PH Vorarlberg bezeichnet das Ganze „sowohl für die Gesellschaft als auch für die Betroffenen“ als „problematisch“. Für ÖGB-Chef Reinhard Stemmer ist klar, dass man da „nicht zur Tagesordnung“ übergehen kann.

Worauf aber ist der hohe Anteil zurückzuführen? Die Ausbildungspflicht bis 18 zeige Wirkung, so Birgit Fiel von der zuständigen Koordinationsstelle im Land: „In diesem Bereich hat sich die Lage verbessert.“ Bernhard Bereuter bestätigt dies: „Das Problem liegt vor allem bei über 18-Jährigen, bei denen die Ausbildungspflicht nicht mehr greift.“
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Dann gibt es junge Männer und Frauen, die quasi untätig sind. In der Fachsprache ist von „NEETs“ die Rede. Das ist Englisch und steht eben für nicht erwerbstätig oder in Ausbildung oder in einer Schulung bzw. einem Job-Training befindlich. Im Bundesländervergleich ist der Anteil in Vorarlberg der höchste nach Wien. Dafür gibt es Erklärungen. Der Status korrespondiere mit der Bildung und der sozialen Situation, erklärt Eva Grabherr, Leitern der Projektstelle „Okay.zusammen leben“: Daten von Menschen mit Migrationsbezug würden auf eine niedrigere Bildung und eine sozial schwächere Situation bei verhältnismäßig vielen von ihnen hinweisen. Vorarlberg habe nach Wien den höchsten Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund. Womit sich der Kreis schließt. Wobei Grabherr feststellt, dass sich bei Gruppen, die schon länger im Land leben, die Situation deutlich verbessert habe.

Über die vergangenen Jahre hat sich der „NEETs“-Anteil wellenförmig entwickelt. 2016 war er mit 15 Prozent sogar noch höher als zuletzt. Das spiegelt Fluchtmigration wider sowie Familiennachzug, mit dem auch viele Jugendliche zugewandert sind.
Mit knapp der Hälfte aller 15- bis 24-jährigen ohne Job oder laufender Ausbildung sind jene mit Migrationshintergrund überrepräsentiert. Mit 54,2 Prozent haben viele aber keinen solchen. Hier kommen weitere Erklärungen ins Spiel, auf die Bereuter und Fiel verweisen: Wirtschaftskrise und Coronapandemie etwa, die gerade auch Jüngern zugesetzt habe, und zwar unabhängig vom Migrationshintergrund.
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Was aber tun? Lösungen klingen einfach und sind doch schwierig: „Wer zu uns kommt, wird unterstützt“, betont Bernhard Bereuter: Für jene, die arbeiten dürfen, hat das AMS Angebote, vom Sprachkurs bis zur Stellenvermittlung. Die Herausforderung sei, an betroffene Jugendliche heranzukommen. Dazu kooperiere man mit Sozialarbeitern und Streetworkern.
Eva Grabherr sieht darüber hinaus immerhin Schritte in die richtige Richtung. Zum Beispiel, wenn Bildungsminister Christoph Wiederkehr ankündige, beim Pflichtschulabschuss eine Kompetenzprüfung einzuführen: „Bisher können Schülerinnen und Schüler austreten, wenn sie das Alter erreicht haben – ungeachtet der Kompetenzen, die sie erworben haben“, so Grabherr. Zu oft reicht das ganz offensichtlich aber nicht.