Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Kolumne: Mich gibt es nicht mehr

Vorarlberg / 20.05.2026 • 07:15 Uhr

„Mich gibt es nicht mehr“, sagte der Mann mit den weißen Haaren. Es war im November und alles voller Grau. Er stand wie vom Himmel gefallen vor mir und starrte mich an. Seine Augen waren gelb und von einer Blässe, die mich an eine Figur in einem polnischen Film erinnerte. Er war halbtot, aber nicht ganz, und das sagte ich ihm auch.

„Lieber Mann, Sie sind zwar ziemlich alt, und trotzdem haben Sie Füße, die auf dem Boden stehen, Arme, die gemütlich herabhängen, einen Mund, der spricht, und Sie riechen auch, zwar bei Gott nicht gut, aber nach Leben, nach Tagen ohne Seifenwasser. Hätten Sie Lust auf einen Kaffee und ein Brötchen, das knackt, weil es frisch ist?“

Er blieb starrsinnig: „Mich gibt es nicht mehr, weil ich nämlich gestorben bin. Abtransportiert in einem Tapetensarg, weil sogar die billigen Holzsärge zu teuer sind.“

Ich nahm seine Hand und drückte sie. Manchmal nützt das. Ich gebe zu, sie fühlte sich unlebendig an, kalt. Er zog aus seinem Hosensack ein Foto.

„Dieses Bild“ – jetzt mit hoher Stimme –, „vom vielen Anschauen beschädigt, zeigt mich lebendig! Mein Hund steht hinter mir, er schaut weg, darum sieht man ihn nicht. Ich trage meine besten Sachen. So einer war ich, einer mit besten Sachen! Sehen Sie, das ist mein Hut mit der Feder, sie war von einem echten Raben.“

„Also“, sagte ich und versuchte, mich von seiner Hand zu lösen, nun war er es nämlich, der mich festhielt und zwar mit einem sehr lebendigen, bösen Griff. „Sie reden von einer Rabenfeder auf ihrem Hut, Sie zeigen mir ein Foto mit Ihren Hund, der nicht zu sehen ist …“ Ich wusste nicht, wie ich den Satz beenden sollte, und zwickte ihn stattdessen, so fest ich konnte, in sein Handgelenk.

Er schüttelte sich und fauchte: „Ich bin tot!“

„Sie“, fauchte nun auch ich, „sind ein Mensch, der gebrechlich tut. Jämmerliches gibt es nicht! Wo  wohnen Sie? Ich bringe Sie nach Hause. Aber dann Schluss!“

Obwohl ich mich überwinden musste, das gebe ich zu, packte ich ihn an dem schmutzigen klebrigen Ärmel seiner Regenjacke und zog ihn mit mir fort. Zu uns. Ich dachte, wenn ich zu Hause bin, wird mein Mann mir weiterhelfen. Er weiß immer Rat. Er wird diesen halbtot spielenden Mann auf unseren Küchenstuhl setzen, ihm mit einem Lumpen die Hände waschen, mit einem anderen Lumpen und Warmwasser über das Gesicht fahren und eine Tasse mit Milch vor ihn hinstellen. Der angeblich halbtote Mann würde zu ihm sagen, dass ihm vor Milch graust. Also würde ich ihm einen schwarzen Kaffee anbieten und das letzte Brötchen aus der französischen Bäckerei, eine Köstlichkeit. „Wenn ich mich gelabt habe, werde ich sterben“, sagte der Mann. „Aber zuerst noch ein zweites Brötchen. Ich bitte nicht darum.“

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.