Das „Zeug“ fertigbringen

Wetter / 21.03.2013 • 19:45 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
So gern hätte Rosa den Geburtstag mit ihrem ältesten Sohn gefeiert. Doch Othmar lebt nicht mehr. Foto: hrj
So gern hätte Rosa den Geburtstag mit ihrem ältesten Sohn gefeiert. Doch Othmar lebt nicht mehr. Foto: hrj

Mit 85 Jahren steht Rosa Sczcypiorsky noch immer tagaus tagein in ihrem Lädele.

BREGENZ. (VN-hrj) Jeder in der Achsiedlung kennt Rosa Sczcypiorsky. Und sie kennt jeden. „Gut – fast jeden“, relativiert sie. Die zierliche weißhaarige Frau sitzt am Fenster in ihrem Lädele – ein Containerhäuschen neben dem Stadtteilbüro –, das mit Kleidungsstücken, Schuhwerk und allerlei Dingen, die man brauchen kann oder auch nicht, angefüllt ist. Vor ihr auf dem Tisch steht ein Heizlüfter. „Kalt ist es“, sagt sie und reibt die Hände. Der Winter ist zurückgekehrt.

Heute wird Rosa 85 Jahre alt. „So gern hätte ich den Geburtstag mit meinem Sohn Othmar gefeiert“, sagt sie mit Wehmut in der Stimme. Othmar, das älteste ihrer zehn Kinder, ist tot. Hier in der Siedlung, unweit von ihrem Lädele, ist er vor fünf Jahren gestorben. „Man hat ihn die Stiege hinuntergeworfen.“ Das habe man ihr damals berichtet. An den als Unfall deklarierten Sturz glaubt sie bis heute nicht.

Inzwischen sind auch einige Enkelkinder auf der Welt. „Frag mich bloß nicht, wie viele!“ Sie lacht. Doch dann beginnt sie, weniger schöne Episoden aus ihrem Leben zu erzählen. Sie betreffen die Väter ihrer Kinder, die auch nicht mehr am Leben sind.

Ihr erster Ehemann ist ertrunken. „Es passierte in der Nachkriegszeit“, erinnert sie sich. „Er fuhr mit Freunden nach Frankreich an die Küste und kam nicht mehr zurück.“ Ihr zweiter Ehemann – „er war ein fleißiger Angestellter“ – starb vor 15 Jahren. Er war mit dem Fahrrad von Alberschwende nach Bregenz unterwegs, als er von einem alkoholisierten Autolenker angefahren wurde. Im Krankenhaus erlag er den schweren Verletzungen.

Wertvolle Bezahlung

Kurze Zeit später verließ Rosa mit ihren Kindern die Wohnung in der Bregenzer Gallusstraße, in der sie mit ihrem zweiten Mann viele Jahre gelebt hatte, und übersiedelte in die Achsiedlung. Das Häuschen neben dem Stadtteilbüro hatte sie einst von der Aktionsgemeinschaft Achsiedlung um 10.000 Schilling gekauft. In einem fürchterlichen Zustand sei die Bude gewesen, erzählt sie. Nachdem Rosa die Räumlichkeiten instand gesetzt hatte, beschloss sie, dort einen Secondhand-Laden für Menschen zu führen, die wenig oder gar nichts haben. All die Sachen, die ihr gebracht werden, gibt sie um kleine Spenden her. Wer nichts bezahlen kann, bekommt Benötigtes umsonst. „Freude und ein Danke sind für mich die wertvollste Bezahlung“, lässt Rosa wissen. Sie freut sich über jeden Besuch, gehört doch ein bisschen Tratschen zum Leben dazu. „So erfahre ich, was in der Siedlung los ist.“

Die Kinder sind inzwischen ausgeflogen. Heute lebt Rosa allein in ihrer Dreizimmerwohnung im 67er Block. Ins Lädele geht sie außer sonntags jeden Tag. „Was tät i, wenn i des net tät?“, fragt sie und schaltet den Heizlüfter aus. Es ist warm geworden in ihrem Kabäuschen.

Angst vor dem Tod? „Nein, das habe ich nicht. Ich will bloß noch das Zeug fertigbringen, bevor ich abtreten muss.“ Mit dem „Zeug“ meint sie ihre Lebensgeschichte, die sie begonnen hat aufzuschreiben. Für ihre Kinder, „obwohl von denen noch keines Interesse daran hat“. Da stehe ganz schön viel drin, sagt sie schmunzelnd, „aber das eine oder andere lasse ich weg“. Natürlich denke sie hin und wieder nach, was wohl nach ihrem erfüllten Leben sein könnte. „Ich weiß nicht, wohin ich gehen werde. Niemand weiß es. Aber es muss irgendetwas geben. Schön wäre es, wenn ich dort meinen Lieben wieder begegnen würde.“

Freude und ein Danke sind für mich die wertvollste Bezahlung.

Rosa Sczcypiorsky

Zur Person

Rosa Sczcypiorsky

Geboren: 22. 3. 1928, durch Zufall in St. Johann in Tirol. „Meine Eltern waren gerade dort, als ich raus wollte.“

Aufgewachsen: Lochau und Hörbranz

Familie: verwitwet, Mutter von zehn Kindern

Wohnort: Bregenz

Lebensmotto: „Es isch, wia’s isch, und es isch guat so.“