Der letzte Mohikaner

16.11.2015 • 17:24 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Wegen seiner Kunden kommt Josef Thurnher hin und wieder in den Laden und hilft aus.  Foto:VN/Paulitsch
Wegen seiner Kunden kommt Josef Thurnher hin und wieder in den Laden und hilft aus. Foto:VN/Paulitsch

„Josefs Lädele“ ist einer der letzten Tante-Emma-Läden. Er gehört Josef Thurnher, einem Greißler-Urgestein. 

Dornbirn. (VN-kum) Josef Thurnher ist zwar schon einige Jahre in Pension. Aber er kommt immer noch in seinen Laden in Dornbirn-Mühlebach, um auszuhelfen oder Freunde zu treffen. Die Kunden sind ihm im Lauf der Jahre zu Freunden geworden. Rückblickend hat er erkannt, dass er einen der schönsten Berufe ausgeübt hat. Das Schöne an seinem Beruf sei der tägliche Umgang mit Kunden gewesen. „Es war ein Leben unter Freunden.“ Die Verbundenheit zwischen ihm und seiner Kundschaft sichert dem Tante-Emma-Laden bis heute das Überleben. „Die Kunden glauben an uns und wir an sie.“ Er habe das Geschäft aber auch immer so geführt, dass er kostengünstig durchkomme. „Hauszuhalten bzw. zu wirtschaften habe ich von meiner Mutter gelernt.“

Mutter war Vorbild

„Josefs Lädele“ ist seit 1901 im Besitz der Familie Thurnher. „Damals hat mein Großvater den Lebensmittelladen, das Gasthaus Traube, die Mosterei und die Bäckerei gekauft. Das war alles in einem Haus.“ Ab 1943 führte Josefs Vater Erwin das Lebenswerk seines Vaters fort. „Aber mein Vater starb bereits im Jahr 1952. Da übernahm meine Mutter Paula den Laden, die Wirtschaft und die Mosterei.“ Josef erinnert sich, „dass wir Kinder überall mithelfen mussten. Ich habe für die Kunden Mehl und Kaffee abgefüllt und die Leute zu jeder Unzeit – auch am Sonntag – bedient.“ Weil ihm die Arbeit nie zuwider war und er sie ordentlich machte, ergab sich später die Übernahme von selbst. Ab 1962 arbeitete Josef im Lebensmittelgeschäft. „Ich habe eine kaufmännische Lehre gemacht und unter meiner Mutter geschafft. Sie war eine angenehme Chefin.“ Aber nicht nur das. „Mama war für mich immer ein großes Vorbild, denn sie konnte gut mit Leuten umgehen. Außerdem hat sie bedürftigen Mühlebachern Lebensmittel geschenkt.“ 

Als Josef Anfang der 60er-Jahre in den Laden einstieg, gab es allein im Hatlerdorf um die 25 Greißler. Fast alle waren Familienbetriebe. Damals war noch vieles anders. „Die Kunden haben alle 14 Tage oder einmal im Monat bezahlt. Das, was sie uns schuldig geblieben sind, habe ich in ein Büchlein eingetragen“, erinnert sich das Urgestein von einem Greißler, „und es gab keine Kassa, die zusammenzählen konnte. Das habe ich mit dem Kopf gemacht.“ Das wirkt bis heute nach. Im Rechnen kann ihn fast keiner schlagen.

Unter seiner Ägide wurde die Verkaufsfläche des Geschäftes von 40 auf 99 Quadratmeter vergrößert. Auch das Sortiment des Ladens wurde im Laufe der Jahre immer größer, heute reicht es von Socken über Briefmarken und Zigaretten bis hin zu regionalen Spezialitäten wie Käse und Speck. „Wir haben alles zu vernünftigen Preisen, nur die Auswahl ist nicht so groß.“

Aber manches ist bis heute gleich geblieben. „Wie früher kommen die Bauernkinder zu uns mit einem Rucksack und einem Zettel einkaufen.“ Nach seiner Pensionierung verpachtete Josef das Geschäft. Seine größte Freude ist, „dass wir immer noch einen Gewinn hinbekommen“. Das Schlimmste wäre für ihn, wenn seine Pächterin mit dem Laden in Konkurs gehen würde. „Dann würde ich mich schämen.“ Aber die MühlebacherInnen halten „Josefs Lädele“ die Treue. Sie schätzen das familiäre Einkaufen.

Josef ist stolz darauf, sich bis heute gehalten zu haben. Angesichts der Tatsache, dass sein Laden heute einer der letzten Tante-Emma-Läden weitum ist, sieht er sich als „letzter Mohikaner“.

Die Kunden glauben an uns, und wir glauben an sie.

Josef Thurnher

Zur Person

Josef Thurnher

betrieb mehr als 50 Jahre einen Greißlerladen in Dornbirn-Mühlebach.   

Geboren: 6. November 1946

Ausbildung: kaufmännische Lehre, Konzessionsprüfung

Familie: verheiratet, vier Kinder

Hobbys: Skitouren, Biken, Sudoku