Drohnen steuern durch die Kraft der Gedanken

Wissen / 06.05.2016 • 11:36 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
BCI als Technologie wird vor allem für medizinische Zwecke verwendet. Forscher suchen nun nach Einsatzfeldern für die Technologie im Alltag.  AP
BCI als Technologie wird vor allem für medizinische Zwecke verwendet. Forscher suchen nun nach Einsatzfeldern für die Technologie im Alltag. AP

Eine spezielle Form der Neurotechnik ermöglicht eine direkte Verbindung zwischen Gehirn und Computer.

Gainesville. Konzentriert starren die Teilnehmer des Wettbewerbs auf virtuelle Würfel, die über ihre Computerbildschirme gleiten. Sie tragen schwarze Headsets mit Sensoren, die bis auf ihre Stirn reichen. In der Nähe warten kleine, weiße Drohnen auf den Startbefehl. „Drei, zwei, eins, los!“, ruft der Ansager, und die Teilnehmer versuchen, die Würfel allein mit ihren Gedanken vorwärts zu treiben. Plötzlich steigen die Drohnen auf und schwirren durch die Luft. Einige kommen kaum voran, während andere problemlos die Ziellinie erreichen.

Der Wettkampf war ausgeschrieben als weltweit erstes Drohnenrennen auf Grundlage einer Gehirn-Computer-Schnittstelle (Brain-Computer-Interface – BCI). Diese Schnittstelle ermöglicht eine direkte Verbindung zwischen Gehirn und Computer. 16 Piloten steuerten die Drohnen Mitte April in einer Sporthalle der Universität von Florida in Gainesville allein mit ihrer Vorstellungskraft über eine Distanz von zehn Metern. Die Organisatoren wollen aus dem Wettbewerb eine jährliche Veranstaltung mit immer größeren Herausforderungen machen. „Mit solchen Veranstaltungen machen wir den Einsatz von BCI populär, so dass er nicht im Forschungslabor steckenbleibt“, sagt Chris Crawford, Doktorand im Fachbereich Human-Centered Computing (HCC), also Informatik mit einem besonderen Bezug zum Menschen. Bislang sei BCI als Technologie speziell auf medizinische Zwecke zugeschnitten, erklärt Crawford. Um sie für die Allgemeinheit zu öffnen, müsse sich die Forschung auch normalen Konsumgütern zuwenden.

Gedanken erkennen

Seit mehr als einem Jahrhundert können Wissenschaftler Gehirnströme aufspüren. Mithilfe der Neurotechnik werden inzwischen Gelähmte in die Lage versetzt, Gliedmaßen oder Prothesen zu bewegen. Doch erst seit Kurzem ist die BCI-Technologie allgemein zugänglich. Die Headsets, die die Teilnehmer des Wettbewerbs trugen, gibt es im Internet für einige hundert Dollar zu kaufen. Sie basieren auf der Technik der Elektroenzephalografie (EEG), implantierte Chips sind dafür nicht nötig.

Und so werden die Gedanken mit Hilfe der digitalen Welt in die Realität umgesetzt: Jedes EEG-Headset wird darauf abgestimmt, die mit bestimmten Gedanken verbundene elektrische Aktivität im Gehirn des jeweiligen Trägers zu erkennen. Es zeichnet beispielsweise auf, wo Neuronen aktiv sind, wenn der Träger sich vorstellt, einen Stuhl über den Boden zu schieben. Experten schreiben dann Programme, um diese Signale imaginärer Bewegung in Befehle umzusetzen, die Computer an die Drohnen senden.

Professor Juan Gilbert, dessen Informatikstudenten den Wettbewerb organisierten, interessiert sich vor allem dafür, wie diese Technik unseren Alltag verändern könnte. Denkbar sei etwa, allein mithilfe der Vorstellungskraft das eigene Auto aufzuschließen. Forscher untersuchen beispielsweise auch, ob das Gehirn eines Lastwagenfahrers ein Gerät aktivieren kann, das ihm sagt, dass er übermüdet ist. „Eines Tages könnte man ein BCI-Gerät tragen wie eine Armbanduhr, um mit Dingen um einen herum zu interagieren.“

Viele Fragen unbeantwortet

Viele ethische, juristische und datenschutzrechtliche Fragen der Technologie sind jedoch noch ungelöst. Das US-Verteidigungsministerium, das ferngesteuerte Drohnen zur Tötung mutmaßlicher Terroristen im Nahen Osten einsetzt, sucht nach Möglichkeiten einer militärischen Anwendung von BCI. Das Ministerium unterstützt ein Forschungslabor der Universität von Texas in San Antonio. Dort haben Wissenschaftler ein System entwickelt, das eine einzelne Person ohne vorherige Ausbildung in die Lage versetzt, eine Vielzahl von Drohnen mittels Gedanken gleichzeitig zu steuern.

Menschen, die ihre Gehirnströme für Zwecke auslesen lassen, die noch nicht einmal klar umrissen sind, gehen auf jeden Fall ein Risiko ein. „EEG-Messungen sind ähnlich wie Fingerabdrücke“, sagt die Anwältin und Neurowissenschaftlerin Kit ­Walsh von der gemeinnützigen Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation. „Sobald ich weiß, wie die Messungen Ihres Gehirns in einer bestimmten Situation aussehen, kann ich Sie an diesem Muster später wiedererkennen.“

EEG-Messun-gen sind ähnlich wie Fingerabdrücke.

Kit Walsh, Neurowissenschaftlerin