Über Dildos reden wir lieber
Einen wunderschönen Freitag!
Das „Massagegerät“ hätte dort eigentlich gar nicht sein sollen. Jemand habe es der Puppe von Pamela Rendi-Wagner in die Hand gedrückt. Bemerkt habe man das durchaus. „Unser zugegebener Fehler war, das Gerät nach Feststellung nicht entfernt zu haben“, erklären die Veranstalter.
Es ist eine der bemerkenswertesten Pointen einer an Höhepunkten nicht gerade armen Episode aus Kennelbach. Sie haben es mitbekommen: Schießübungen im Keller, über hundert Menschen dabei, als Dekoration zwei anzüglich gekleidete Puppen mit den Gesichtern bekannter Politiker. Die ehemalige SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner auf dem Schoß des ehemaligen FPÖ-Chefs Heinz-Christian Strache. In ihrer Hand: ein Dildo. Oder ein Vibrator. Jedenfalls ein „Massagegerät“, wie es im Entschuldigungsschreiben heißt.
Vielleicht ist das Wort Dildo den Veranstaltern zu heikel. Man möchte schließlich nicht unanständig werden. Bei einer Veranstaltung, bei der auf Schießscheiben gefeuert wird und Politikerpuppen als Dekoration dienen.
Und jetzt ertappe ich mich selbst dabei, wie ich der allgemeinen Aufregung auf den Leim gehe. Denn während über die Kennelbacher Kellerdekoration diskutiert wird, geht eine andere Nachricht beinahe unter. Eine, die vermutlich wesentlich mehr über die Zukunft unseres Landes aussagt als das vermeintliche Massagegerät.
Am Montag präsentierten Landesregierung und Arbeiterkammer den Vorarlberger Gleichstellungsbericht. Die Berichterstattung konzentrierte sich auf die bekannten Baustellen: Gender Pay Gap, hohe Teilzeitquote, ungleiche Verteilung der Sorgearbeit, Pensionsunterschiede, Rollenbilder.
Alles bekannt. Und genau das ist das Traurige daran. Die Probleme sind seit Jahren dieselben. Fortschritte gibt es, aber vielfach zu langsam. Es bleibt also genügend Grund, den Finger in die Wunde zu legen.
Ich möchte allerdings auf eine andere Wunde aufmerksam machen. Eine, die in der Gleichstellungsdebatte erstaunlich wenig Beachtung findet.
Die Buben fallen zurück.
2009 hatten 30 Prozent der Frauen und 21 Prozent der Männer höchstens einen Pflichtschulabschluss. 15 Jahre später waren es bei den Frauen noch 20 Prozent, bei den Männern 19 Prozent. Der Anteil der Hochschulabsolventinnen stieg im selben Zeitraum von elf auf 19 Prozent, jener der Männer von zwölf auf 16 Prozent.
Frauen haben bei der formalen Bildung also kräftig aufgeholt und die Männer teilweise überholt. Bei diesen geht es deutlich langsamer voran.
Nun bin ich kein Freund davon, Bildung ausschließlich an Zeugnissen und akademischen Titeln zu messen. Nicht jeder Mensch mit Hochschulabschluss ist automatisch besser gebildet als einer mit Lehrabschluss. Ein Titel ersetzt weder Hausverstand noch Können. Trotzdem ist die Entwicklung bemerkenswert. Vor allem, wenn man sich ansieht, wie früh sie beginnt.
Ein Blick ins Vorarlberger Bildungsmonitoring zeigt: 57 Prozent der Kinder mit Deutsch-Förderbedarf sind Buben. Bei der Einschulung landen 17 Prozent der Buben in der Vorschule, aber nur zwölf Prozent der Mädchen. Auch beim sonderpädagogischen Förderbedarf sind die Buben mit 63 Prozent deutlich überrepräsentiert.
Der Rückstand beginnt also, bevor die eigentliche Schullaufbahn überhaupt Fahrt aufnimmt.
Und er wächst sich offenbar nicht einfach aus. Buben wiederholen häufiger Klassen und verlassen öfter die Pflichtschule ohne erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe I. 2022 waren es insgesamt 355 Jugendliche, rund 60 Prozent davon männlich. Seit 2015 ist die Gesamtzahl um 56 Prozent gestiegen.
Das Bildungsmonitoring wird ungewöhnlich deutlich: Mädchen seien die „im Bildungsverhalten erfolgreichere Gruppe“. Bei den Buben brauche es besondere Aufmerksamkeit, möglicherweise sogar eine Veränderung des Unterrichts.
Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Ein offizieller Bildungsbericht stellt fest, dass Buben im bestehenden System schlechter zurechtkommen, und bringt Änderungen am Unterricht ins Spiel. Ein bemerkenswerter Befund für ein Bildungssystem, das allen dieselben Chancen bieten soll. Und es offensichtlich nicht schafft.
Die Folgen reichen bis ins Erwachsenenalter. Damit wären wir wieder beim Gleichstellungsbericht. Die Hochschulzugangsquote der Frauen liegt bei 43 Prozent, jene der Männer bei gerade einmal 28 Prozent.
In Vorarlberg lässt sich dieser Unterschied wirtschaftlich noch vergleichsweise gut kaschieren. Die Industrie bietet Männern auch ohne Matura oder Studium attraktive Verdienstmöglichkeiten. Wer mit 20 eine Lehre abgeschlossen hat, verdient mitunter schon ordentlich, während andere noch im Hörsaal sitzen.
Nur: Der Gehaltszettel mit 20 ist keine Garantie für den Arbeitsplatz mit 50.
Digitalisierung und Automatisierung verändern die Anforderungen. Wer heute mit einer Ausbildung gut verdient, kann morgen unter Druck geraten, wenn sich sein Beruf grundlegend verändert. Das gilt selbstverständlich nicht für jeden Lehrberuf. Und ein Studium ist auch keine Versicherung gegen den Wandel. Aber eine schwächere Bildungsbasis kann zum Risiko werden. Was heute kaum auffällt, könnte uns in einigen Jahrzehnten teuer zu stehen kommen.
Seit Jahrzehnten bemüht sich die Gleichstellungspolitik darum, Mädchen für technische Berufe zu begeistern und Frauen bessere Karrierechancen zu eröffnen. Völlig zu Recht. Nur sollte Gleichstellung keine Einbahnstraße sein.
Während Mädchen bei der Bildung aufholen und teilweise vorbeiziehen, geraten Buben an mehreren entscheidenden Stellen ins Hintertreffen. Vielleicht wäre es an der Zeit, Gleichstellung auch einmal aus ihrer Perspektive zu betrachten. Denn wenn das Bildungssystem einen erheblichen Teil der Buben schlechter erreicht, ist das nicht nur ein Problem der Männer von morgen. Es ist ein Problem von heute.
Und eines, über das wir zumindest so diskutieren sollten wie über Kennelbacher Massagegeräte.
Und jetzt zur Werbung.
Eigenlob stinkt bekanntlich. Für Eigenwerbung dürfte Ähnliches gelten. Lassen Sie mich trotzdem ein laues Düftchen verströmen. Diese Woche ist mein neuer Podcast „VN-Nachhall“ gestartet. Darin geht es um politische Geschichte Vorarlbergs, die bis heute nachhallt. Jede Woche spreche ich mit Expertinnen und Experten über Ereignisse, Entwicklungen und Geschichten, die unser Land geprägt haben.
Zum Auftakt geht es um eines der dunkelsten Kapitel der Vorarlberger Unternehmensgeschichte: die NS-Zwangsarbeit auf den Baustellen der Illwerke im Montafon. Mein Gesprächspartner ist Historiker und VN-Kommentator Harald Walser. Jeden Mittwoch um 21 Uhr auf Ländle TV und VOL.at, ab Donnerstag auf allen gängigen Podcast-Plattformen.
Und noch etwas in eigener Sache: Mein Newsletter hat es tatsächlich in den Landtag geschafft. Nachdem ich vergangene Woche über die Vorarlberger Landes-KI VOKI geschrieben habe, haben die Neos eine parlamentarische Anfrage eingebracht. Mal sehen, was daraus wird. Ich halte Sie auf dem Laufenden.
Aber erst kommende Woche. Jetzt ist Wochenende. Ich wünsche Ihnen schöne Tage. Und falls Sie eine Schießübung im Keller planen: Lassen Sie die Politikerpuppen und Massagegeräte besser zu Hause.
Man muss ja nicht jeden Blödsinn mitmachen.
Herzlichst,
Michael Prock
Leiter VN-Politikredaktion
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Dieser Text erschien im wöchentlichen Politik-Newsletter von VN-Politikchef Michael Prock. Sie können das “VOL.at Hinterzimmer” und weitere Newsletter hier abonnieren: www.vol.at/newsletter
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